Dark Side of the Force Teil 2

Mein Leben mit der dunklen Seite der Macht

Der Worst Case ist eingetreten. In mir steckt eine männlich-tierische Geheime Machtseite mit Rachethema, die Berserker-Qualitäten in sich vereint: Diese Erkenntnis muss ich verdauen, annehmen und damit irgendwie in meinem Alltag „klarkommen“. Was ich damit mache, weiß ich noch nicht genau, nur, dass ich damit leben muss.

Wenn man im Hintergrund eine unglaublich kraftvolle Macht hat, diese aber ein monumentales Nein in sich trägt, das sich wie ein zentnerschwerer Betonblock anfühlt, dann wird vieles zäh und anstrengend. Dieser Betonblock, dieses Nein, richtet sich gegen alle Menschen und gegen die ganze Welt. Gesteigert wird dieses Nein durch seine Rache. „Leise, still und heimlich werde ich es euch allen heimzahlen. So wie ihr mit den Menschen und der Erde umgeht, kann ich nur mit meiner Rache antworten“, würde Carlos sagen. Seine Rache ist seine Antwort auf die Welt da draußen und ich weiß noch nicht, was deren Ursache ist. Ich weiß nur, dass diese subtile Rachespur so geschickt getarnt ist, dass sie fast nicht auffällt und im zwischenmenschlichen Miteinander unerkannt bleibt. 

Subtile Rache

Im Alltag gibt es mit meinen Mitmenschen Ungereimtheiten. Versäumnisse treten auf, Dinge werden vergessen, die Anderen werden unfreiwillig zu Angestellten, um meine nicht erfüllten Aufgaben zu bewältigen. Diese Strategie kommt von Carlos und ich nenne sie „Outsourcing“. Für solche Merkwürdigkeiten werde ich sensibler. Sie führen mich zu seinen Strategien. Und im Erforschen von Carlos‘ Strategien stoßen wir auf seinen Willen, der durchtränkt ist von seiner Rache.

Es werden keine Schwerter erhoben, um martialisch in die Schlacht zu ziehen. Es passiert leise, still, fast unmerklich. Hinter dieser Rache steht der Entschluss, meinen Mitmenschen und der Welt nichts mehr zu geben. Nichts und niemand hat es verdient, nochmal etwas von Carlos zu bekommen. Es bereitet ihm eine Genugtuung, wenn es andere schwer haben oder gar leiden. Da breitet sich ein großes Grinsen in seinem Gesicht aus. „Ich bin überlegen und habe die Macht über dich und die Situation“, denkt Carlos beim Auskosten seiner Rache. Mein Gegenüber hat es sehr schwer dadurch und geht leer aus. Oft wird das Beziehungsband für eine gewisse Zeit zerschnitten. Seine Rache ist ernüchternd, deprimierend und zermürbt mich streckenweise.

Ein Beispiel aus der Vergangenheit. Auf dem Weg zum Auslandsstudium habe ich das Ausräumen und Reinigen meines WG-Zimmers meinem Mütterchen und meiner Schwester überlassen. Frauen sind zu solchen Dingen eh viel geeigneter und ich musste mir damit nicht die Finger schmutzig machen. Klassisches Outsourcing. Ihren Unmut fege ich hinweg und realisiere nicht, was es für sie bedeutet und wie es sich für sie anfühlt. Das perlt an mir ab. Da steckt eine Genugtuung dahinter, die Genugtuung des Benutzens und gleichzeitigen Abwertens des Weiblichen mit seinen Geschenken. Ich kann das mit meiner Schwester und meiner Mutter machen und die Rache bleibt auf subtile Weise verborgen. Dies belastet immer wieder unsere Beziehung.

Mein innerer Kampf

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Innerlich tobt in mir ein heftiger Kampf. Carlos‘ Wille kann eine ziemliche Power entwickeln und es ist anstrengend, sich dieser entgegenzusetzen. Schnell schleichen sich Gedanken und Begierden ein, denen ich mich entgegenstelle. Mal mehr und mal weniger erfolgreich. Der Wunsch nach Alkohol und Zigaretten sind nur kleine Beispiele für diesen Kampf.

Ich hänge in seinen Fäden. Folge ich nicht seinen Impulsen, baut sich innerer Druck auf. Druck entsteht, wenn sein Wille nicht geschieht. Seine Wut und sein Zorn drücken von hinten mit unglaublicher Macht. Mit der Zeit finde ich Wege, um diesen Druck in eine sinnvolle Richtung zu kanalisieren, um niemanden zu verletzen. Extreme körperliche Betätigungen helfen, die Wut und den Zorn zu entladen. Am Boxsack explodiert das Angestaute und ungeahnte Kräfte werden frei. Mit Carlos’ unglaublichem Willen kann ich meinen Körper bezwingen, wenn ich zum Beispiel beim Kältetraining an die Grenzen des Schmerzbereiches gehe. Es breitet sich in ihm eine Genugtuung aus. Die Genugtuung, die Macht über meinen Körper zu haben und diesen mit meinem Willen zu beherrschen.

Frauen sind auch ein beliebtes Thema. Viele von ihnen findet Carlos erobernswert. Er hat die Qualitäten eines Don Juan. Problematisch wird es, wenn ich die Frauen anziehe, umgarne und dann wieder abstoße. Dabei hinterlasse ich große emotionale Verwundungen. Das ist seine Rache dem Weiblichen gegenüber. Das Thema der Überlegenheit ist zentral. Beziehung auf Augenhöhe, Gleichwertigkeit zwischen Frau und Mann werden nicht zugelassen. In Carlos ist die Haltung: Ich bin besser, überlegen. Ihr seid nicht gleichwertig, meiner nicht würdig. Dieser zwanghafte Impuls erzeugt immer eine Distanz und echter Kontakt wird unmöglich. Durch die Abwertung der Frauen negiert Carlos deren Geschenke und tritt diese mit Füßen.

Meine gescheiterten Paarbeziehungen sind Folge dieser Haltung. Leise, still und heimlich trifft Carlos ab einem bestimmten Zeitpunkt im Hintergrund den Entschluss, diese zu beenden. Seine Entscheidung bleibt mir verborgen, ich kann nur die Folgen beobachten. Emotionen verändern sich, neue Eroberungen müssen gemacht werden, der Focus wandert zu einer neuen Frau. Momentan stellt sich mir die Frage, ob es an diesem Punkt überhaupt Sinn macht, eine Beziehung einzugehen, wenn jeder Beziehung ein Verfallsdatum innewohnt. 

Einmal Mordor und zurück

Die Geschichte meiner Mordor-Episode endet hier. Bullerbü liest sich anders, es fehlt das Hochglanz-Dauerlächeln und das schöne Wetter. Über die Leinwand flackert der Abspann, das Licht wird behutsam heller und die Realität kommt langsam wieder ins Bewusstsein. In meinem „Heldenepos“ steht am Ende nicht das eroberte Königreich und die dazugehörige Prinzessin. Bei mir gibt es keinen getöteten Drachen, da ich meine machtvolle Seite nicht töten kann. Meinen Drachen belagere ich, ich möchte ihn verstehen und erforschen. Der Lohn meiner Reise ist die Erkenntnis über mich und meine dunkle Seite. Das Böse habe ich vorher immer nur im Außen, bei den Anderen gesehen. Jetzt sehe ich es in mir und das hat etwas Versöhnliches. Da ich dadurch zu einem Menschen werde, der Licht und Schatten zugleich in sich vereint. 

Erschöpft lehne ich mich zurück. Tröstlich ist, dass in Carlos ein kleiner Funke des Guten wohnt. Die Botschaft eines Traumes ist, dass Unschuldige nicht mehr zu Schaden kommen sollen. Ein späterer Traum erzählt davon, dass kein weiteres negatives Karma mehr angesammelt wird. Darüber hinaus darf es keinen Krieg mehr geben und die sinnlosen Zerstörungen müssen aufhören.  In meiner dunklen Seite ist ein Bewusstsein für Recht und Unrecht, für das, was gut und richtig ist. 

Konsequenzen

Immer mehr wird sich mein dunkler Rächer seiner Strategien bewusst, indem er sie deutlich erlebt und dadurch seine alten Gefühle und die Konsequenzen seines Handelns etwas besser wahrnimmt. Bei meinen Lebensentscheidungen versuche ich zu berücksichtigen, dass Carlos‘ Rache mit im Spiel ist und dass ich jederzeit mit ihr rechnen muss. 

Insgesamt wird mein Leben wahrhaftiger und es passt besser zu meiner tiefsten inneren Realität. Gleichzeitig steht mir mehr von seiner Durchschlagskraft, seinem Willen und seiner Power zur Verfügung. In diesen Zeiten braucht es starke Männer, die mit Bewusstheit agieren, und dieses Ziel möchte ich irgendwann erreichen. Ob es mir gelingt, weiß ich noch nicht, nur halte ich es für sehr erstrebenswert. 

4 Gedanken zu „Dark Side of the Force Teil 2“

  1. Lieber Christian,
    dein Beitrag geht sehr um in mir. Ich tu mich etwas schwer, einen Kommentar zu schreiben, weil ich manches so schwer in Worte fassen kann. Ich schätze, die emotionalen Wogen mussten sich erstmal glätten. Du beschreibst den Hintergrund zu Eigenschaften bzw. einer Dynamik, die ich wie die meisten Frauen kenne, wenn auch nicht aus eigener Beziehungserfahrung.
    Es verstört mich irgendwie, das zu lesen. Nicht, dass ich es nicht für möglich gehalten hätte, nein. Es ist mehr, dass ich „solche Männer“ nicht unter der Kategorie „fühlendes Wesen“, schonmal gar nicht „leidendes Wesen“ eingeordnet hatte. Diese Einschätzung ist eine alte Haltung meiner eigenen Kriegerin, die Männern keine Seele eingeräumt hatte. Sie weiß mittlerweile, dass es auch „andere Männer“ gibt. Du siehst die Strategie „Unberührt bleiben durch Kategorisierung“. Das klappt oft schon deswegen, weil sich die Berserker dieser Welt nicht selbstkritisch und offen mitteilen, also kann man deren Innenleben ausblenden bzw. annehmen, dass sie Spaß an ihrem Machtspiel haben. Und so geht es immer weiter.
    Du bringst mir den Menschen hinter der Kategorie näher. Das ist selten und ganz furchtbar wichtig.
    Ich wünsche dir, dass du es schaffst, dranzubleiben und freue mich auf einen Austausch. Vielen Dank von Corinna

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    • Liebe Corinna

      Danke für deinen umfangreichen Kommentar und schön, dass du als Frau darauf Bezug nimmst. Vieles von dem kann ich nur bejahen, was du schreibst. In meiner zentralen männlichen Machtstelle war und ist sehr lange schon eine Unbezogenheit, wenig Gefühle und ein äußerst starker Wille, der aber von der ursprünglichen Liebe abgekoppelt ist. Da ist die Lust an Machtspielen und diese aus dem Hintergrund heraus meisterlich zu spielen. Diese Wucht, gepaart mit der Intelligenz kann sehr berauschend sein, gleichzeitig ist es schwer, ihr etwas Adäquates entgegenzustellen. Ich selbst kann mich ihr nur schwer entziehen. Hier passieren viele offensichtliche und nicht offensichtliche Verletzungen. Deine Abneigung aus der weiblichen Sicht kann ich gut nachvollziehen und es ist erstaunlich, dass du in deinem realen Leben da bis jetzt glimpflich, ohne Verletzungen (durch diese Berserkerenergien) durchgekommen bist. Möglicherweise ist das aber genau der wunde Punkt deiner Kriegerin, die den Glauben an das Gute im Männlichen verloren hat. Sicher zu Recht. Ihre Geschichte wird möglicherweise mit den Verletzungen, durch die kraftvolle Seite des Männlichen zu tun haben. Und sie wird darauf eine kraftvolle Antwort gefunden haben. Vielleicht kommen wir irgendwann einmal darüber in einen Austausch.

      Auf der großen Ebene ist dieses zerstörerische Potential so offensichtlich. Unsere Welt wäre anders, wären die „Berserkerkräfte“ dieser Welt bzw. die Mächtigen dieser Welt, mit ihrer Liebe verbunden.
      Vielen Dank noch einmal für deinen Kommentar und motiviertes Weiterforschen!

      Liebe Grüße Christian

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  2. Lieber Christian, nach Teil 1 Deines Berichtes habe ich geschrieben, dass ich gerne mehr und genauer wissen würde, wie Carlos seinen Willen durchsetzt. Wow, das ist eindrücklich, wie Du das beschreibst. So still und leise, eher im Weglassen als im Ausdrücken – und trotzdem mit dieser Wucht und Entschlossenheit. Und mit dem Wissen, dass es ihm einmal um etwas Gutes gegangen ist. Ich hoffe wirklich, dass Du da dran bleiben kannst. Männer, die da hindurch gegangen sind, gibt es wirklich so gut wie keine mehr. Und ja – die wären wirklich nötig. Danke für Deinen Bericht! Robert

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    • Lieber Robert,
      danke für deine Anerkennung und dass du so aufmerksam meinen Artikel gelesen hast. Ich finde es schade, dass so wenige Männer auf diesem Weg sind, und noch trauriger ist, dass fast keiner mehr da ist, der diesen schweren Weg bis zur (Er)Lösung gegangen ist. Möglicherweise ändert sich das irgendwann, jedenfalls versuchen wir das in einer kleinen Männergruppe einmal im Monat aufrechtzuerhalten und uns in unseren Prozessen zu unterstützen. Wir lernen uns tiefer kennen und entwickeln ein umfassenderes Verständnis voneinander. Das fühlt sich richtig an und es ist wichtig, dass wir im Kreis der Männer unsere männliche Energie spüren und reflektieren. Schön, dass du so wertvolle Kommentare für die Autoren schreibst, das motiviert! Dir alles Gute und bis bald. Christian

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