„Die Architektur der Innenwelt“ – eine Rezension

Schlüssig und von großer Tragweite

Für mich ist dieses Buch von Artho Wittemann der Ausgangspunkt meiner Reise zu mir selbst. Als ein Freund es mir vor etwa zehn Jahren lieh, konnte ich das noch nicht wissen. Da war ich erst einmal begeistert von der Konsistenz und der Klarheit der Gedanken darin, staunte über die beschriebene Vielfalt in unserem Innern. Sollte es wirklich möglich sein, die Psyche systematisch zu erforschen? Auch mein eigenes Unbewusstes? Ich war mir ja in großen Teilen selbst ein Rätsel.

Der Autor macht uns zunächst mit den vier ganz unterschiedlichen Protagonisten des Buches bekannt, mit denen wir nach und nach in ihre individuelle Innenwelt eintauchen. Das sind Forschungsreisen voller überraschender Wendungen, die jeweils eine eigene innere Logik entfalten und die machtvollen Willenskräfte in diesen Menschen spürbar werden lassen.

Dabei erfahren wir, wie die „Inneren Personen“ die Grundbausteine der Psyche bilden und wie die Begegnung mit ihnen die schier unübersehbare Vielfalt der menschlichen Ausdrucksformen begreifbar macht. Es entsteht so ein konsistenter Werkzeugkasten zur Erforschung und Beschreibung der individuellen Psyche und wie sie im Außen erscheint. Als Naturwissenschaftler hat mich überrascht, dass das auch in dem so subjektiven und schwer zugänglichen Bereich unserer Innenwelt möglich ist.

Basierend auf wenigen Grundannahmen entwickelt die so beschriebene IndividualSystemik schließlich eine große Erklärungskraft, die weit über den individuellen Menschen hinaus bis in globale Zusammenhänge reicht. Es wird deutlich herausgearbeitet, auf welche Weise wir in uns selbst einen Mangel erzeugen, der nie befriedigt werden kann. Daraus entsteht eine Unersättlichkeit, die weitreichende Konsequenzen für unser Leben, unsere Mitmenschen und unseren Umgang mit der Welt hat.

Das Buch wechselt immer wieder zwischen persönlicher, theoretischer und gesellschaftlicher Perspektive. Dieser Aufbau macht es lebendig und spiegelt sich in der unkonventionellen Anordnung der Kapitel wider. Sich darauf einzulassen enthüllt eine weitere Dimension des Werks: So fühlt sich der typische Erkenntnisprozess bei dieser inneren Forschungsarbeit an! Zunächst nicht zu wissen, was los ist und das auszuhalten – um dann schließlich zu erfahren, wie sich die einzelnen Beobachtungen wie Puzzleteile zu einem stimmigen Gesamtbild fügen.

Sehr beeindruckend für mich war dabei, dass praktisch alle Fragen, die während des Lesens in mir entstanden sind, an gleicher oder späterer Stelle beantwortet werden. Der Autor weiß stets genau, was noch offen ist und sucht das aktiv auf. Das ist anregend und macht satt. Das Buch vermittelt gleichzeitig eine solche Vollständigkeit, Eindeutigkeit und Tragweite, dass es mich bis heute nicht mehr losgelassen hat.

Erfahrbare Tiefe

Nach dem Lesen habe ich ein Tagesseminar besucht, erste Sitzungen genommen und diesen Weg der Innenweltforschung bis heute fortgesetzt. Nun kann ich sagen: Was nach dem ersten Lesen zunächst als eine faszinierende These im Raum stand, hat sich für mich in erfahrbare Realität verwandelt: Wie ich zum ersten Mal durch die Augen einer zuvor unbewussten Inneren Person geschaut habe, vergesse ich nicht mehr. Sie schließlich in ihrer Tiefe zu erleben, eröffnet mir wie eine neue Welt.

Marko Aliaksandr/Shutterstock.com

Die Erkenntnisse in diesem Buch sind weitreichend und tief, stets verbunden mit einer Wertschätzung für die Intelligenz und Liebe unserer inneren Bewohner. Seit Jahren lese ich immer wieder darin und entdecke weiter neue Zusammenhänge, freue mich über den feinen Humor und die bildreiche Sprache, die das Buch durchziehen.

Wer verstehen will, was Mensch-Sein bedeutet – warum wir Menschen so widersprüchlich sind, wieso wir uns gegenseitig und die Natur ausbeuten und wie wir herausfinden, wer wir statt dessen sein könnten – sollte dieses Buch lesen.

Außerdem empfehle ich dazu auch die anderen Bücher und Medien von Artho Wittemann und Veeta Wittemann, die zusammen in jahrzehntelanger Forschung den individualsystemischen Weg gefunden und kultiviert haben.

2 Gedanken zu „„Die Architektur der Innenwelt“ – eine Rezension“

  1. Lieber Michael,
    ich habe mit Freude deine intelligente und wertschätzende Beschreibung dieses so grundlegenden und außergewöhnlichen Werkes von Artho Wittemann gelesen.
    Ich finde, es ist dir toll gelungen, die Komplexität, Logik und Schönheit, die in der Architektur des Buches und in Artho Wittemanns elegantem Führen der Leser*innen durch die faszinierende Welt der Psyche steckt, mit großer Klarheit zu beschreiben. Du bringst uns das Buch auf natürliche und einfache Weise nahe und machst Lust, es immer wieder zu lesen.

    Ja, genau: so ging es mir beim Lesen auch und das trifft es für mich auf den Punkt:
    …“Zunächst nicht zu wissen, was los ist und das auszuhalten – um dann schließlich zu erfahren, wie sich die einzelnen Beobachtungen wie Puzzleteile zu einem stimmigen Gesamtbild fügen.“…
    Und ja, so erlebe ich die individualsystemische Arbeit bis heute auch: das macht sie so herausfordernd, weil sie eine Hingabe an den eigenen Forschungsweg erfordert. Und das macht sie so schön, weil sie es – wie keine andere Methode – tatsächlich vollbringt, das Wirrwarr unserer Innenwelt Stück für Stück zu entfalten und ans Licht zu bringen, was mit uns Menschen und der Welt eigentlich los ist.

    Ja, Artho Wittemann beantwortet bis in die Tiefe und mit einer über sein eigenes Werk hinaus strahlenden Klugheit, Richtigkeit und – wie du schreibst -„Erklärungskraft“ – die Frage und das Rätsel, das wir Menschen uns selbst sind.
    Damit hat sein Buch eine – so finde ich auch – große Tragweite für uns Menschen.

    Liebe Grüße,
    Tilda

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    • Liebe Tilda,

      danke für deine Rückmeldung, schön zu hören, dass dich das Buch ganz ähnlich angesprochen hat!
      Ja, so sollte die Rezension bei den Leser*innen ankommen – auch die gesellschaftliche Bedeutung des Buches, dass ich es schätze und dass es sich lohnt, sich wiederholt darin zu bewegen und nachzuschlagen.

      Mich freut insbesondere, dass du die Klarheit der Rezension hervorhebst. Dass mir das bei diesem vielschichtigen Buch gelungen ist, ist eben auch eine Folge meiner eigenen Innenweltreise.

      Womit jetzt noch einmal betont sei, dass es sich echt lohnt die Architektur der Innenwelt zu studieren!

      Liebe Grüße, Michael

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