Ein Konflikt – was nun?

Ich möchte gerne eine alltägliche Konfliktsituation nutzen und euch erzählen, wie meine Innenwelt darauf reagiert hat, und wie ich dank der Methoden der IndividualSystemik damit umgehen konnte.

Ich hatte für eine Weile einen Raum vermietet und Klaus, der Mieter, war nach Jahren ohne Konflikte oder Beschwerden ausgezogen. Da die Abrechnung noch ausstand, hatte ich einen kleinen Teil der Kaution zurückbehalten, der die erwartete Nachzahlung decken sollte. Eigentlich ein üblicher Vorgang. Klaus aber wurde plötzlich sehr negativ, wollte sofort „sein“ Geld, erinnerte sich auf einmal an eine ganze Reihe von Verabredungen nicht mehr. Er negierte nun auch seine Verpflichtungen, sah meine dafür aber als nicht erfüllt an. Außerdem stellte er auf einmal alle möglichen Nachteile in den Vordergrund, die er erlitten haben wollte, die aber über Jahre hinweg keine Erwähnung wert gewesen waren. Und wegen der Kaution drohte er mit Rechtsmitteln. Ich war baff.
Ein zwischenmenschlicher Konflikt also, wie er mit kleinerer oder größerer Tragweite immer wieder passiert.

Und wie gehe ich damit um?

Nun gibt es ja Leute, die es in einer solchen Situation schaffen, ruhig, gelassen und freundlich oder doch zumindest kontrolliert, gefasst und sachlich zu bleiben. So wollte ich ja immer sein, schön wär’s! Und wir haben alle schon Menschen erlebt, die cholerisch werden und sich kraft ihrer aggressiven Ausstrahlung durchsetzen. Oder solche, die höflich bleiben, aber später über ihr Gegenüber herziehen. Wieder andere stecken zurück und wehren sich nicht, schämen sich aber vielleicht später dafür.

Ich bin eine, die bei so etwas Stress kriegt. Mein Bauch wird flatterig, das wiederum gibt mir ein Gefühl von Instabilität und damit Ohnmacht. Gleichzeitig analysiere ich die Sachlage, mache eine minutiöse Abrechnung, stelle Dinge in meinem Kopf richtig. Ich will mein Recht, wo ich Recht habe. Ich finde das fair. Irgendwie glaube ich auch, dass es für alle Beteiligten – auch für Klaus – besser ist, wenn ich das tue. Aber da wird es schon verschwommen. Ich will keinen Konflikt, aber aufgeben, wo ich doch Recht habe, das kommt nicht in Frage. Klein beigeben werde ich nicht, das ist mal klar. Ich fühle mich aber unwohl damit, einfach nur auf mein Recht zu pochen. Warum eigentlich? 

Wo finde ich hier eine gute Lösung?

Klaus hatte nur E-Mails geschrieben. Ich könnte ihn auch einfach anrufen, um mal zu hören, wo die plötzliche negative Haltung herkommt. Nur, dass sich das wieder sehr unsicher anfühlt. Dieser Negativität möchte ich mich nicht aussetzen, außerdem werde ich dann bestimmt biestig. Was tun?

Aus der Sicht meiner Inneren Personen

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Zwei meiner inneren Personen habe ich euch bereits in meinem letzten Blogbeitrag Ich und machtvoll? Wohl kaum! vorgestellt. Pina ist eine Frau, die in meinem inneren System allein vorne steht. Sie ist empfindsam und freundlich. Bruno steht weiter hinten, ist aber mittlerweile an meinem Leben fast wie eine vordere Person beteiligt. Er ist ein Macher, der gern argumentiert.

Um meine inneren Haltungen zu erforschen, habe ich mir eine Eigensitzung gegeben. 
Alle Inneren Personen haben ihre eigenen Plätze um mich herum. Wenn ich von meinem Platz in der Mitte zu ihnen hin spüre, kann ich mit ihnen Verbindung aufnehmen und ihre Haltung schon besser wahrnehmen. Wenn ich mich dann auf ihre Position stelle, erlebe ich sie quasi in Reinform, und sie sich damit auch.

Ich habe mich zuerst auf Pinas Position nach vorn gestellt. Sofort war das Flattergefühl sehr deutlich und noch stärker. Pina fühlte den Druck von weiter hinten, von Bruno. Sie konnte ihn reden hören. Bruno rechnet vor, Bruno ist im Recht, Bruno kämpft. Pina ist nervös. Sie leidet unter Konflikten, weil sie es gern harmonisch hat, weil sie der Welt als Empfangspersonal immer ausgesetzt ist. Sie ist verletzlicher als Bruno. Sie sagt: „Oh nein, bitte kein Konflikt.“ Wenn ich in einem Konflikt verliere, fühlt sie das akut, während Bruno eingeschnappt vor sich hin brummelt. Sie möchte mit den Menschen danach noch klarkommen. Bruno sind „solche Menschen eh egal”. Sie konnte ihm von ihrer Position aus direkt sagen, dass sie sich durch seine Reaktion unter Druck gesetzt fühlt.

Dann habe ich mich weiter hinten auf Brunos Position gestellt. Sofort war das Flattergefühl weg. Bruno war beleidigt und konzentriert, gar nicht nervös. Bruno sagte Sachen wie: „Der kriegt von mir nix mehr! Das mache ich jetzt ganz genau! Die Zeit der Großzügigkeit ist vorbei! Was für eine Opferhaltung. Der hatte doch die ganze Zeit einen Vorteil!“ Und weil ich in seiner Position stand, konnte er sich selbst erleben – und sich beim Reden zuhören.

Und da ist er erschrocken. Upps! Genau das, was er bei anderen nicht so prickelnd findet, macht er, weil er sich provoziert fühlt, schon wieder selbst! Das Aufrechnen. Dabei wollte er mir nur zu meinem Recht verhelfen! Er hat gemerkt, wie er Pina Stress macht und wie leicht er es sich mit dieser Haltung macht. Das hat ihn weicher gemacht. Er hat sich ein Stück weit entspannt und losgelassen. „Vielleicht sind solche Menschen doch nicht egal.“ Das war ihm dann doch peinlich. 

Dann ist da noch meine Geheime Machtseite

Dann habe ich mich noch in eine andere Innere Person gestellt, eine innere Frau, die weiter hinten lebt und alles im Blick hat. Dies ist meine Geheime Machtseite (lese hierzu den wunderbaren Beitrag von Rapante). Sie ist eine Frau mit Weit- und Durchblick, großem Mitgefühl und Wunsch nach Verbindung und einem guten Miteinander. Nur hatte sie sich total zurückgezogen und fand von allein nicht wieder zurück. So hat sie in meiner Mitte ein Vakuum hinterlassen.

Vor einigen Monaten hat sie – nach langen Mühen und viel Sitzungsarbeit – zu ihrer Essenz zurückgefunden. Das war (und ist) über alle Maßen wunderbar, denn sie ist mein Zentrum. Ohne sie war ich quasi nur oberflächlich am Leben beteiligt. Daher kam das Gefühl, dass in meinem Leben immer etwas Wichtiges fehlte. Jetzt bin ich auch in der Tiefe an Kontakt beteiligt und kann von dort in Resonanz gehen und mich verbinden. Es gelingt zwar erst in Ansätzen, aber ich merke es schon: es macht satt!

Alles Zwischenmenschliche ist ihr natürlicher Boden. Sie richtet sich nicht nach der Meinung anderer. Sie schaut in sich, was sie will. Sie hat Tiefe, nimmt sich Zeit und hat alle anderen mit im Blick, innen wie außen. Durch diese Qualitäten ist sie in meinem System eine natürliche Führerin.

So gibt sie mir Orientierung durch ihre Klarheit. Und so habe ich jetzt das Gefühl, dass ich weiß, wer ich bin. Nach Jahrzehnten mit Pina, die immer zu tun versuchte, was von ihr erwartet wird, und den zugehörigen Gegenreaktionen aus einem ungreifbaren Inneren, ist das sehr beglückend.

Ihr Trauma, das sie in den Rückzug getrieben hatte, ist noch nicht geheilt, daher beteiligt sie sich nicht immer direkt an meinem Leben und zieht sich bei Aggressionen, wie von Klaus, noch oft zurück. Ich kann mich dann aber mit ihr verbinden, wenn ich wieder allein bin und ihre Perspektive und ihren Rat einholen.

Meine Führerin führt 

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Meiner Führerin war klar, dass das Geld egal ist, die Fairness aber nicht. Das ist eine umfassendere, mitfühlendere Haltung, die auch das Wohl des Gegenübers im Blick hat. Sie ist bereit, Dinge klar zu äußern, für sich einzustehen. Aber ihr geht es nicht ums Gewinnen, sondern um ein Ergebnis, bei dem es keine Verlierer gibt. Schließlich hat Klaus vielleicht eine vordere Person, die über Jahre Dinge nicht ansprechen konnte, und eine hintere Person, die unbewusst und mit verzerrtem Blick das Negative aufbauscht. Es galt, eine Grenze zu ziehen, ohne ihn abzulehnen.

Bruno hörte das und merkte zum einen, dass er sich verstiegen hatte. Zum anderen, dass er sich für diese umfassendere Herangehensweise nicht eignet. Dafür fehlt es ihm an Mitgefühl. Er merkte, dass er sich abstimmen muss mit den anderen, wenn es gut werden soll. Pina bekam mit, wie sich die anderen hinter ihr abstimmten, dadurch konnte sie sich entspannen. Mit der Zeit wächst ihr Vertrauen, dass meine Führerin so mit Menschen und Situationen umgeht, dass es ihr keine Probleme macht. Und dass Bruno meiner Führerin folgt. Ich merke das als zunehmende Selbstsicherheit in sozialen Situationen. Da ist noch viel Luft nach oben, aber es wird besser.

Die gute Antwort in mir

Der gemeinsame Nenner zwischen allen meinen Inneren Personen in diesem Konflikt war, sachlich und klar Dinge richtigzustellen und an Vereinbarungen und Verpflichtungen zu erinnern. Dies tat ich per E-Mail, um Pina nicht zu stressen, und weil Bruno für ein Gespräch zu beleidigt war. Und schließlich auch, weil meine Führerin noch nicht bereit war, selbst direkt in eine Konfrontation zu gehen, und Pina das dann machen müsste. Die Negativität habe ich nicht angesprochen. Weil ich mir ja vorstellen konnte, woher sie kam, ein Gespräch im Guten darüber aber nicht möglich schien.
Ich habe nicht wieder von Klaus gehört.

Im Ergebnis konnte ich mit viel weniger Stress und viel mehr Einsicht und Klarheit mit diesem Konflikt umgehen. Ich war zufrieden mit meiner Lösung und meiner Haltung.

Der größte Unterschied aber ist: Es ist zutiefst befriedigend, mich nicht mehr wie früher für eine Antwort auf eine Situation entscheiden zu müssen, die ich irgendwie für gut halte, vielleicht weil andere es so machen. Sondern in mir selbst eine gute Antwort zu finden. So kann ich beginnen, mir zu trauen! Es tut weh, das nicht zu können. Ich war es nur so gewohnt, dass ich es nicht mehr merkte.

Die Führerin in meinem Leben hat sich langsam zu einer ruhigen, gelassenen und freundlichen Frau entwickelt. Das tut mir als Ganze richtig gut!

7 Gedanken zu „Ein Konflikt – was nun?“

  1. Liebe Anita,
    wenn du von deiner Führerin schreibst, kommt bei mir ein ganz warmes, ruhiges Gefühl an, wie ein Raum, der sich öffnet. Weg vom ‘Kleinklein’ hin zu den wesentlichen Dingen. Wie schön! Das Bild passt ganz wunderbar dazu. Vielen Dank, Martina

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    • Liebe Martina, da hast du recht. Es ist so erleichternd, vom Kleinklein wegzukommen! Das ist schön, wie du das beschreibst, wie es sich anfühlt.

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  2. Wie schön Du das beschreibst, Anita! Und wie anders die Welt wäre, wenn Klaus die gleichen Möglichkeiten hätte wie Du und sich selbst auch so reflektieren könnte. Wenn ihr Euch auf dieser Grundlage austauschen könntet. Das Thema “Kaution” würde auf einmal so nebensächlich werden, dass ihr wahrscheinlich darüber lachen könntet. Und die eigentlichen Themen – die Eure Beziehung als Mieter und Vermieter über mehrere Jahre hinweg geprägt haben – würden in den Mittelpunkt rücken und wahrscheinlich zu einer freundlichen, dankbaren Verabschiedung führen. Was für eine Verschwendung von Freundlichkeit und Respekt! Du hast es für Dich selbst sehr gut gelöst. Und dass Du dafür nicht brauchst, dass Klaus es auch kann oder dass er sich ändert – das ist der zweite große Gewinn!

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    • Lieber Robert, das freut mich, dass dir mein Beitrag so gut gefallen hat und dass du das größere Bild aufzeigst, davon, wie es sein könnte, da geht mir das Herz auf. Ja, was für neue Möglichkeiten ein gutes Miteinander innen auch im Außen mit sich brächte.
      Warum nicht jede Möglichkeit nutzen, froh und dankbar zu sein über das Gute? Warum sich nicht auf einer tieferen Ebene mit Freundlichkeit und Respekt begegnen? Das berührt mich. Das ist doch der Kern dieser Arbeit, oder? So weit die eigenen negativen Haltungen in uns in den Blick zu nehmen, dass wir das können. Etwas eigentlich so einfaches.
      Vielen Dank dafür.

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  3. Liebe Anita, ich finde es spannend, wie du das Hin-und Hergerissensein in dieser Konfliktsituation beschreibst. Ich kenne das von mir auch. Um so erstaunlicher, wie ruhig und ausgewogen dagegen dein Fokus aus dir selbst heraus ist. Es ist gut, dass du wieder Zugang dazu hast.

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    • Liebe Ramona, vielen Dank für deinen Kommentar. Ich denke, für Ausgewogenheit braucht es die wertschätzende Kommunikation der Personen untereinander und jemanden mit Überblick, der die Richtung vorgeben kann. „Aus mir selbst“ kommen alle Impulse, lese ich das richtig, dass du da eine Unterscheidung machst? Hin-und hergerissen zu sein heißt ja nicht, dass die Positionen falsch oder wertlos sind, sie sind lediglich oft einseitig oder werden einer komplexeren Situation allein nicht gerecht. Da ist es wichtig, zusammenzuarbeiten.

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      • Liebe Anita, ich meinte nicht, dass die gegensätzlichen Positionen weniger wichtig oder nicht gut sind. Ich meinte, dass der Fokus aus deiner Tiefe heraus sich im Kontrast dazu so anders, eben richtungsweisend, anfühlt.

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