Entwicklung? Nicht mit mir!

Die Illusion, alles verändern zu können

Mit Anfang 20 war ich der festen Überzeugung, dass man alles an sich verändern kann, wenn man nur will. Insbesondere alles, was man als negativ oder belastend empfindet. Denn wer will denn freiwillig unglücklich sein?

Von außen betrachtet ist mein Leben in vielen Bereichen erfolgreich verlaufen – und noch dazu scheint es so, als ob dies mühelos passierte. Aber innerlich macht sich zunehmend Erschöpfung breit. Gefühle von Unzufriedenheit, Leere und Abgeschnittensein vom Leben treiben mich immer wieder um. Und wieso scheint es so zu sein, dass ich trotz zahlreicher Therapien und Paarseminare nicht in der Lage bin, eine tiefe Verbindung einzugehen?

Die Zügel in der Hand

Mit Hilfe der IndividualSystemik habe ich verstanden, dass es eine Innere Person in mir gibt, die ihren Willen entschieden dafür einsetzt, mein Leben unlebendig werden zu lassen. Sie verhindert tiefgehende Veränderungen und produziert negative Gefühle sogar mit Absicht. Dabei geht sie so geschickt vor, dass ich selbst lange Zeit nicht wusste, dass es sie gibt.

In der Arbeit mit Inneren Personen geben wir jeder Person einen eigenen Platz im Raum. Taya ist eine mächtige Frau in mir, die aus dem hinteren Raum meiner Psyche agiert. Räumlich betrachtet sitzt sie direkt hinter meiner Mitte, was ihre zentrale Bedeutung und ihren Einfluss betont. Da sie sich aus dem direkten Kontakt zurückgezogen hat, aber in meinem System machtvoll agiert, wird sie Geheime Machtseite genannt. Ihre Unsichtbarkeit verdankt sie anderen Inneren Personen, die vor ihr stehen und mein Leben meistern. Die Zügel aber hat sie in der Hand. Meiner Beziehungsfrau zum Beispiel, die vorne steht, gönnt sie Auszeiten, in denen Kontakt und Nähe möglich ist. Nach kurzer Zeit mischt sie sich aber ein und zerstört das Gute, das entstanden ist. Was ihre Geschichte dahinter ist und warum sie dies tut, weiß ich noch nicht. Mein Artikel ist eine Spurensuche nach ihrem Wirken in meinem Leben.

Nicht dazugehören

Junge Frau abgeschnitten von den anderen
fizkes/Shutterstock.com

Mit Blick auf meine Kindheit und Jugend fällt mir auf, dass ich mich schon damals häufig nicht zugehörig fühlte zu Menschen und mich als abgeschnitten empfand. In einem Tagebucheintrag, den ich mit ca. 13 schrieb, ist zu lesen, dass ich meine Umwelt wie durch einen grauen Schleier wahrnehme. Ich musizierte in einem Streichquartett mit drei anderen Mädchen. Während einer Probenwoche in Frankreich hatten wir von außen betrachtet jede Menge Spaß und regelmäßig Lachanfälle. Ich erinnere mich, dass ich die Zeit immer wieder als anstrengend erlebte. Ich bemühte mich, ebenfalls witzig zu sein, hatte aber gleichzeitig oft das Gefühl, nicht dazuzugehören, da ich den Spaß und die Freude nicht tiefer mitempfinden konnte. Vielleicht zeigte sich hier schon die Entscheidung von Taya, keine tiefere Verbindung eingehen zu wollen, ihr Nein aber hinter der Lebendigkeit der vorderen Inneren Personen zu verbergen.

Ja, ich will … (nicht)!!

Im Studium überwiegen die Zweifel. Ich habe meist das Gefühl, am falschen Platz zu sein. In meiner Weiterbildung kommt es immer wieder vor, dass ich mich begeistert für Projekte interessiere. Mein Engagement lässt aber regelmäßig nach einer Weile nach, ohne dass ich Gründe dafür benennen könnte. Wie beispielsweise meine Arbeit in der Botulinumtoxin-Ambulanz, in der Menschen mit Spastiken oder anderen neurologischen Problemen behandelt werden. Ich war begeistert von der ganz konkreten Hilfe, die wir dort leisten können und lernte Neues zu mir wenig bekannten Krankheitsbildern. Ich fuhr nach Berlin zu einer Schulung, kaufte Fachbücher und meldete mich regelmäßig für die Sprechstunde. Dann kam der Moment, in dem ich in einer Fortbildung saß und ein Gefühl von Desinteresse aufkam. Dies war irritierend. War ich eben nicht noch Feuer und Flamme? Und jetzt ist diese Arbeit nichts mehr wert? Meine Teilnahme an der Ambulanz ließ langsam nach, plötzlich war doch zu wenig Zeit dafür. Ein Zertifikat, das ich zu Beginn anstrebte, war nicht mehr wichtig.

Erst heute ist mir klar, dass Taya dieses Gefühl von Desinteresse und Abwertung absichtlich in mir produziert. Dabei verbirgt sie sich zunächst hinter anderen Inneren Personen, die sich für etwas begeistern. Manchmal schürt sie sogar selbst Begeisterung, um dann genüsslich ihr Nein und ihre Abwertung ins Spiel zu bringen. Jetzt gehen bei mir bei dem Gefühl starker Motivation die Alarmglocken an: Achtung, Geheime Machtseite aktiv! So kann ich ihr Wirken in meinem Leben etwas besser in den Blick nehmen.

Verletzbarkeit als Tarnkappe

In meinen Beziehungen war ich oft am Kämpfen. Ich strengte mich an! Und doch kam es nie zu einer dauerhaften, tiefen Verbindung, nach der ich mich doch so sehr sehne. Auch hier spielt die scheinbare Betonung des “Ja” eine große Rolle. Je mehr Widerstand ich innerlich spürte, desto mehr bemühte ich mich, für den anderen da zu sein und Liebe zu bekunden. Oder ich stürzte mich wieder in Therapien. Und wurde immer wieder überrollt von Zweifeln und massiven Verachtungsgefühlen für meinen Partner, die mich jedes Mal in ihrer Stärke überraschten und eine Vertiefung der Beziehung unmöglich machten.

Und noch ein anderer Mechanismus trat zutage. Ich fühlte mich oft verletzt, so dass es zu dramatischen Gesprächen kam – Situationen, in denen der Partner mir im Prinzip keinen Vorwurf machen konnte, denn es ist schwer auf jemanden, der verletzt ist, wütend zu reagieren. Das ist eine perfekte Strategie, um mit Verletztheit das eigentliche Thema, nämlich das Nein zur Beziehung, zu verbergen und einer Konfrontation aus dem Weg zu gehen.

Heute ist mir bewusst, dass Taya eine große Befriedigung daraus zieht, Männer zurückzuweisen und sie damit zu verletzen. Wie eine Rachegöttin, die ihre Schlacht aber nicht mit offenem Visier führt, sondern im Geheimen agiert.

Von außen erhalte ich oft die Rückmeldung “Du hast nur den Richtigen noch nicht gefunden”. Aber ich weiß, es ist umgekehrt: Taya will “den Richtigen” gar nicht finden. Sondern jemanden, den sie zurückweisen und verachten kann.

Frauenhand hält verächtlich einen winzigen Mann zwischen den Fingern
Irina Kozorog/Shutterstock.com

Der Fingerzeig auf andere

Ein Schlüsselerlebnis für mich war der Rückblick auf eine Arbeitswoche bei Artho Wittemann in Schweden 2016. Dort bin ich zum ersten Mal direkt mit Taya in Kontakt gekommen. Es bestand das Angebot von Artho, mit Hilfe von Traumarbeit weiterzuforschen. Doch stark verärgert durch ein Gefühl von “ich werde hier unter Druck gesetzt” habe ich mich damals von dieser Arbeit abgewandt. Und war erstaunt, 2020 bei der Betrachtung der Sitzungsvideos und dem Lesen der alten E-Mails vor allem Wertschätzung und konstruktive Vorschläge zu finden. Mir wurde klar, dass Taya den Blick auf sich selbst verhindert, indem sie mit dem Finger auf andere Menschen zeigt. Sie sucht nach Negativem und bauscht dieses auf: der “Fehlersuchmodus”. Da sie dies so überzeugend macht, bin ich als ganze Person der Meinung, dass es nicht an mir liegt, wenn es keine Weiterentwicklung gibt, sondern der oder die andere daran Schuld hat.

Mein Erkenntnisprozess

Der Erkenntnisprozess mit Hilfe der IndividualSystemik macht mir klar: die “Umstände” sind nicht verantwortlich für meine Probleme, sondern die Spur führt an eine tiefe Stelle in mir selbst. Es ist zwar einerseits unangenehm, mich dieser Realität zu stellen, auf der anderen Seite aber entlastend, denn ich spüre, dass dies wahr ist: Ja, es gibt eine Person in mir, die es genießt, Menschen zu verachten und zu verletzen.

Das ist für mich als Ganze frustrierend und Tayas Herrschaft erzeugt oft eine starke Spannung in meinem System. Und ich weiß nicht, ob Taya ihre Einstellung jemals ändern wird. Sie besitzt eine unglaubliche Kraft und Entschlossenheit, genau so zu sein. Ich übe mich in Akzeptanz und auch Respekt für die Lösung, die sie für ihre mir noch unbekannte Geschichte gefunden hat. Ich spüre aber auch meinen Willen als Ganze, Taya weiter in den Blick zu nehmen, ihre Motive und Strategien zu erforschen und vorsichtig in Kontakt zu bringen. Vielleicht erlaubt sie sich irgendwann zu sehen, wie anstrengend und aussichtslos ihr Rachekampf ist und dass es in ihrer Tiefe Schätze zu bergen gibt. 

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