Mitten durchs Feuer

Was es heißt, die eigenen Schatten und Dämonen wirklich anzuschauen, habe ich durch die IndividualSystemik erfahren. Durch sie hat sich meine Blick-Richtung komplett verändert.   

Zuvor hatte ich lange auf das geschaut, was ich erlebt hatte, habe versucht, meine Vergangenheit zu verarbeiten. “… sie wissen wohl, was ihnen angetan wurde …“ – wie es im Text der Prophezeiung heißt. Doch letztendlich löste das meine Konflikte mit den Menschen nicht. Merkwürdigerweise geriet ich immer wieder in mehr oder weniger subtile Machtkämpfe. Ob mit Kolleg*innen, Mitbewohner*innen oder in Beziehungen. Und immer erlebte ich mich als diejenige, der Unrecht widerfährt. Ich war die Leidtragende, dachte ich. 

Will ich das wissen?

In der ersten Zeit mit der IndividualSystemik lernte ich Anteile von mir kennen, die völlig unbewusst irgendwie versucht hatten, sich vor den Widrigkeiten meiner Kindheit zu schützen. Eine junge Frau versuchte sich möglichst still zu halten, eine andere tat so, als wäre sie ein schroffer „Wächter“, obwohl sie eigentlich eine weise Frau ist, die sich in der Stille zuhause fühlt. Doch dann stieß ich auf einen machtvollen Anteil in mir, der aus dem Verborgenen heraus alles kontrollierte. Einen Teil von mir, den ich lieber nicht sehen wollte. Und ich musste mich entscheiden, ob ich bereit war, wirklich hinzuschauen. Denn es war eine Seite, die hässlich war, wütend, andere absichtlich verletzte. Und das nicht aus einer Not heraus, sondern um sich überlegen und stark zu fühlen. Und sogar, um es heimzuzahlen. Jetzt sollten die anderen sehen, wie es sich anfühlt, ganz unten, am Boden, wenn man alles verliert! Ich musste erkennen, dass ich an meiner tiefsten Stelle nicht Opfer bin, sondern Täter.

Es hatte schon andere schwere Zeiten gegeben. Aber dazu „Ich“ zu sagen war das Schwerste, was ich in meinem Leben durchlebt habe. Ohne Menschen an meiner Seite, die dennoch an mich glaubten, hätte ich das nicht geschafft.

Wandel

Irgendwann konnte ich in dieser Seite beginnen, auf mich selbst zu schauen. Das Kämpfen wurde allmählich weniger. Ich begann, das Leben wieder gelten zu lassen. Hörte auf, gegen das Gute anzugehen. Ließ mich davon erstaunen, wie schön es sich anfühlt, etwas zu geben, etwas wachsen zu lassen. Lernte, dass Reue und Scham mir helfen können, in meine Würde zurückzufinden. Und gewann so langsam meine Menschlichkeit zurück. 

Von hier aus kann ich mich jetzt in dieser machtvollen Seite selbst meiner früheren Ohnmacht und meinem Schmerz zuwenden. Und nur dort kann diese Wunde wirklich heilen.    

Ein neues Leben 

Früher der Herrscher, der alles in Asche legt, wenn er sieht, dass er nicht mehr gewinnen kann – heute ein Mensch, der seine Würde wiedergefunden hat und sich an dem Wunder erfreut, aus der Asche wieder etwas wachsen lassen zu können. Ich musste durch mein eigenes Feuer hindurch, und es hat mich beinahe verzehrt. Doch ich habe durchgehalten – und kann jetzt vorsichtig beginnen, mich aufzurichten, wie der Phönix meine Flügel auszubreiten und mein Feuer für etwas Gutes zu nutzen. Für mich und die anderen in mir – für andere um mich herum – und für unsere Vision von einem guten, wahrhaftigen Miteinander.  

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