Schweden – Hin und wieder zurück …

In diesem Sommer hatte ich die Möglichkeit, nach Gravendal in Schweden zu fahren, um mit Veeta Wittemann die Erforschung meiner Inneren Personen in Gleich-zu-Gleich-Sitzungen und Traumarbeit zu vertiefen. Es war eine ganz besondere Reise.

Zurück ins Leben

Wer hätte gedacht, dass ich in einem winzigen Ort mitten in Schweden im kalten Wasser stehen würde und mich dabei so lebendig und frei fühle wie wahrscheinlich noch nie in meinem Leben?! Die Tage sind einfach hier. Keine Ablenkung außer die, die ich selbst mitgebracht habe. Ich liebe die Klarheit und Liebe zum Detail in dem Apartment, in dem ich übernachte. An alles ist gedacht und es wurde mit viel Achtsamkeit eingerichtet: Von Salatöl bis Hängematte, von Naturfotografien an den Wänden bis hin zur voll ausgestatteten Küche. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viel Raum und Ruhe für mich hatte.

Als ich am Anreisetag das erste Mal Veetas und Arthos Wohnhaus betrete, ist es ein Versehen. Ich habe im Navi die Adresse falsch eingegeben. Das Ferienhaus, in dem ich übernachten werde, ist in der gleichen Straße, aber ein paar Nummern weiter. Als ich im Hauseingang stehe – die Tür war nicht verschlossen – kommt mir der Gedanke, das kann kein Ferienhaus sein. Der Wind bläst sanft durch den Flur und eines der Glockenspiele begrüßt mich. Ich spüre die Liebe und Freiheit, die hier wohnen. Von weit weg höre ich Stimmen. Leise ziehe ich mich zurück. (Später bekennt sich auf innere Nachfrage mein neugieriges Mädchen dazu. Sie konnte einfach nicht mehr abwarten. Die Freude über den Streich genauso wie darüber, hier zu sein, lassen mich den restlichen Tag nicht mehr los.)

Am nächsten Tag begegne ich Veeta das erste Mal persönlich, um mit ihr unsere gemeinsame Arbeit in den nächsten zwei Wochen zu besprechen. Bisher kenne ich sie nur durch die Traum-Prozess-Arbeit, aber ihre offene, bezogene Art mir zu begegnen, nimmt mir jegliche Bedenken.

Ich sehe auch Artho wieder. Unsere erste Begegnung vor ziemlich genau vier Jahren hatte mich tief beeindruckt und dazu bewogen, meinen Weg mit der IndividualSystemik zu vertiefen. Als ich ihm hier gegenüberstehe, kann ich es kaum glauben. Es war ein langer Weg. Aber ich bin genauso berührt wie damals und mir kommen die Tränen.

Die ersten Sitzungen mit Veeta folgen. Alle Inneren Personen, die ich schon kenne, erhalten eine neue Tiefe. Ich habe das Gefühl, hier ganz und vorbehaltlos gesehen zu werden. Ich spüre, wie jede meiner inneren Bewegungen erwidert und gespiegelt wird, so dass ich mich selbst wiedererkennen, wieder begreifen kann.

Auf einmal kommt mein Inneres ins Fließen, Wachsen, erhält seine Kraft zurück. Ich laufe, renne, rufe, schreie, lache, weine, schlafe, male, tanze, spüre meinen Körper wieder.

Mein Wille hat gesiegt

Obwohl ich die Lebendigkeit, die in mir wohnt, so vor Augen geführt bekomme und sie am liebsten gleich für immer behalten würde, erreichen auch mich die Auswirkungen meiner Nein-Haltung.

Quelle: Shutterstock

Nach der ersten Woche sind wir meiner Kriegerin, die ich Ursula nenne, nähergekommen. Sie sorgt in meinem System für Sicherheit und bewacht den hinteren Raum. Wir haben ihre Geschichte erforscht und erfahren, dass ihr Unmenschliches widerfahren ist. Sie hat Heimat und Gemeinschaft über Nacht verloren, nach entbehrungsreicher Wanderung ein neues Zuhause gefunden, was ihr dann auf noch grausamere Weise genommen wurde. Ursulas Lösung war es, die Wut, Trauer und Ohnmacht in einer schwarzen Kugel zu verwahren, die ich jetzt tief im Inneren meines Körpers spüren kann.

Von Außen wirkt sie wie eine Statue, aber es ist ihre Rüstung. Unerkannt zu bleiben und nie wieder Opfer zu werden, ist ihr Ziel geworden. Dieses verfolgt sie mit der gleichen Kraft und Konsequenz, wie sie Feuerfrauen eigen sind. Ihre Freiheit und Selbstbestimmtheit konnte sie sich dadurch erhalten. Doch für mich als ganzer Mensch hat dies große Konsequenzen. Ich spüre die Distanz zu anderen mehr denn je, selbst zu meiner Familie, die mir das Wichtigste auf der Welt ist. Doch am zentralen Punkt meines Systems ist es einsam und still. Ursulas Leben ist grau geworden. Sie will nie wieder etwas von sich zeigen oder in die Welt geben.

Eine Reiseetappe geht zu Ende

Die Abreise rückt unaufhaltsam näher. Mir wird bewusst, welche Dinge ich das letzte oder vorletzte Mal erlebe. Blaubeeren pflücken zum Beispiel, für mein Frühstück.

schwedische Heidelbeeren
Quelle: Ramona Scheiding

Auch meine letzte Sitzung mit Veeta ist viel zu schnell vorbei. Wir sind gut vorangekommen. Ich habe mit Ursula, meiner kraftvollen hinteren Frau, arbeiten können, dadurch habe ich sie bewusster wahrgenommen und tiefer erlebt. Nicht nur in der Sitzung. Ich bin in ihren Fußstapfen durch den Wald gerannt, habe ihr Innenleben gemalt, mit ihr getanzt und war dabei ganz sie selbst. Ich weiß jetzt, warum sie ihre Lösung – sich ganz starr in ihrer grauen Rüstung unsichtbar zu machen und damit ganz sicher zu sein – dem Leben vorzieht. Aber sie beginnt wieder den Boden unter ihren Füßen zu spüren, so sehr, dass ich eines Nachts durch das intensive Kribbeln in meinen Füßen aufwache.

Mit all diesem Wissen kann ich mich nun auf die Heimreise machen. Zurück in meine Alltagswelt. Ich werde diesen wunderbaren Raum, den Veeta und Artho hier öffnen, vermissen. Ich fühle mich geheilter als noch vor zwei Wochen und vor allem verstanden. Das ist für mich von unschätzbarem Wert.

Ich bin gespannt, wie sich meine Zeit hier in Schweden im Alltag auswirken wird. Was aus dem neuen Wissen in den Kontakt mit anderen Menschen einfließen kann. Ich fühle mich gestärkt für die nächste Etappe meiner Reise.

2 Gedanken zu „Schweden – Hin und wieder zurück …“

  1. Berührt und gerührt lese ich von Deiner Reise. Spüre die Frische, Lebendigkeit und Kraft. Diese wünsche ich Dir von Herzen in Deinem Alltag und auf der nächsten Etappe.

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