Schweden – hin und zurück … und dann?

In diesem Sommer hatte ich die Möglichkeit nach Gravendal in Schweden zu fahren, um mit Veeta Wittemann die Erforschung meiner Inneren Personen zu vertiefen. Diese Reise hat ganz besondere Auswirkungen in meinem Leben.

Die etwas andere Rückkehr

Es ist ein wunderschöner Altweibersommer geworden. Auf unserem Balkon höre ich den Kastanien beim Fallen zu, sehe die vorbeiziehenden Wolken und lasse mich von der Sonne wärmen. Ich kann kaum glauben, dass ich bereits vor drei Monaten aus Gravendal zurückgekommen bin. Etwas unwirklich erscheint mir, was ich in meinem letzten Blogbeitrag darüber geschrieben habe. Aber in meinem Alltag sind Spuren geblieben, z.B. hatten mich die klaren, einfachen Räume der Ferienwohnung inspiriert, selbst mehr Ordnung in unser Zuhause zu bringen. Andere Veränderungen ziehen dagegen größere Kreise in meinem Leben. 

Direkt nach meiner Rückkehr ging es sehr bewegt weiter. Ich hatte von meiner Reise eine erwachende, sehr kraftvolle und auch sehr wütende Kriegerin mitgebracht. Ursula, so nenne ich diese Frau, kannte ich vorher schon. Aber die vertiefende Arbeit mit Veeta hatte ihre lang gehaltenen Gedanken und Gefühle an die Oberfläche und in mein Bewusstsein gebracht. Ursulas Lösung, ihre traumatischen Erfahrungen in einer schwarzen Kugel zu verwahren und sich davon zu distanzieren, funktioniert nun nicht mehr. Wut, Trauer und Ohnmacht sind jetzt meine täglichen Begleiter, das dunkle Loch in meinem Bauch die Erinnerung an ihre Geschichte. Die bewährte Strategie, nichts oder nur das absolut Nötigste zu zeigen, beschert mir ein spürbar körperliches Erstarren, sobald etwas im Außen passiert, was sich unsicher anfühlt. Vor allem aber kann ich ihre Wut auf eine bestimmte Art von Männern spüren, die instinkthaft, primitiv und rücksichtslos unterwegs sind.

Mein wüster Alltag 

Im Alltag habe ich mich bisher als freundliche, zugewandte Frau erlebt. Klar gab es hier und da Momente, wo mir der Kragen platzte, wo ich laut schimpfte, entrüstet und empört davonstampfte. Aber sicher hatten „die Anderen“ das auch verdient, schließlich war ich doch eine sehr geduldige Person. Oder?!

Hinweise, die ich über die Jahre von verschiedenen Menschen in meinem Leben bekommen hatte, fielen mir wieder ein. Vor allem mein Mann wies mich immer wieder darauf hin, wie meine Stimmung wie aus dem Nichts kippen kann. Wie ich aggressiv, abweisend und abwertend sein kann und wie ich ihm dann das Gefühl gebe, es mir nicht recht machen zu können. Das macht mich sehr nachdenklich, denn mein Erleben ist in solchen Situationen anders. Ich glaube mich einfach im Recht – nur er will es nicht hören. Tatsächlich bin ich in diesen Momenten überzeugt, es einfach besser zu wissen als er.

Als ich in dieser Zeit eine Mail an eine Frau in meiner iSys-Gruppe verfasste und darin einen umfassenden Wutausbruch auslebte, wurde mir sehr deutlich vor Augen geführt, wie unreflektiert meine Kriegerin wüten konnte. Ich kann jetzt Wort für Wort nachlesen, mit welcher Vehemenz und Aggressivität ich meinen Standpunkt vertrete. Gleichzeitig liegt darin eine große Kraft und in der Eindeutigkeit Ursulas ganz eigene Wahrheit. So musste ich mich ganz neu kennenlernen.

Schreiender Junge

Wie das iSys-Leben so spielt, ging diese Mail auch an Veeta, die natürlich eine passende Antwort für mich hatte. An dieser für mich sehr kritischen Stelle konnte ich erleben, wie genau das iSys-Feld mit Konflikten umgeht und wie ich daraus mehr über mich erfahren kann. Von Veeta bekam ich die Aufgabe, mich aus der Identifikation mit Ursula zu lösen und als ganzer Mensch neu zu schreiben. Das war zwar möglich, aber das fordernde Bestehen auf meinem Standpunkt blieb.

„Halten – Entladen – Fordern“, mehr bekommt die Welt nicht mehr von meiner Kriegerin zu sehen. Jetzt, wo ich darauf aufmerksam gemacht wurde, kann ich tagtäglich erleben, an welchen Stellen ich genau in diese Reaktionskette gehe. Das kann ich – nach wie vor – nur schwer akzeptieren.

Bisher hat meine vordere Frau, die so freundlich und zugewandt ist, meine Beziehungen gestaltet. Sie überbrückt den Abstand oder auch die Kälte, meine eigene und die, die mir von anderen entgegenschlägt. Sie sorgt dafür, dass Missverständnisse geklärt werden oder Konflikte gar nicht erst entstehen. Kurzum, sie ist dafür verantwortlich, dass sich Menschen in meiner Umgebung eigentlich wohlfühlen. Sie müssen nicht einmal etwas dafür tun: diese Frau ist immer ganz selbstverständlich bedürfnislos, nett und zugewandt da. Dass diese Anstrengungen nicht spurlos an mir vorübergehen, hatte ich in Ermüdungserscheinungen über die Jahre immer wieder erlebt.

Mit dem Erwachen meiner Kriegerin ist es damit vorbei. Es ist ein ganzes Stück „wüster“ in meinem Alltag, denn das Hauptproblem bleibt: die Distanz zwischen meiner hinteren Frau und der Welt, die überbrückt werden muss. Jetzt spüre ich oft nur noch den Abstand. 

Ich bin nicht (mehr) allein

Zum Glück habe ich inzwischen Menschen um mich herum, die mich im Austausch, Reflektieren und Lernen immer wieder (unter)stützen. Wie zum Beispiel meine Forschungspartnerin, die mir Brücken baut zu den Stellen, wo ich nicht hinschauen kann und mir hilft, wenn ich nur auf der inhaltlichen Ebene Kreise drehe. Wir konnten über das letzte Jahr eine vertrauensvolle Verbindung aufbauen, die uns jetzt trägt, während wir tiefer in unsere Innenwelten vordringen. Obwohl unsere kraftvollen Frauen sehr unterschiedliche Schicksale in sich tragen und sie sich nur schrittweise zeigen, verbindet sie nicht nur ihre Meinung über die patriarchalische Welt, in der wir leben, sondern noch viel mehr. Langsam verstehen wir aber auch, welche Auswirkungen das Fehlen unserer weiblichen Führerinnen hat.

Es waren harte Wochen. Den Alltag mit einer starren, anklagenden Kriegerin zu erleben, lässt alles grau und unwegsam erscheinen. Aber heute konnte ich nach gefühlt ewig langer Zeit etwas von der Leichtigkeit und Freude wieder erleben, die ich in Schweden verspürt hatte. Wie eine Luftblase im Wasser nach oben steigt, von ganz tief unten. Und gleichzeitig wie ein Blatt, vom Wind getragen, das auf dem Wasser landet und dabei sanfte Kreise entstehen lässt. 

Unscheinbar, fließend, in mir ausbreitend. Sie ist noch da.

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