Wenn die Matriarchin das letzte Wort hat …

Interview mit einer weit gereisten Innenweltforscherin

Als feministische Frau – denn so empfand ich mich bis dahin – einen so überheblichen und herrschsüchtigen Mann in mir zu entdecken, war außerordentlich ernüchternd. Das hat mein Selbstbild stark erschüttert. Du, Tilda, hast das zu Beginn deines eindrücklichen Artikels Der Patriarch in mir so treffend beschrieben und mich damit an meine jungen Erwachsenenjahre erinnert. Damals habe ich gehofft, wir Frauen bekommen es besser hin: keine hierarchischen Strukturen, kein Machtgebaren, kein egoistisches Gegeneinander. Durch meine gelebten Erfahrungen in reinen Frauenräumen wurde ich gründlich ernüchtert. Warum aber ist das so schwer? Durch den individualsystemischen Weg verstand ich plötzlich, wie ich selbst mit meinem „Herrscher“ – so nannte ich meinen Patriarchen lange – zu den Konflikten und Machtkämpfen beigetragen hatte. 

Dadurch, wie berührend du über die Entwicklung deines Mannes schreibst, wird deutlich spürbar, wie persönlich und tiefgreifend jeder Weg einer Inneren Person ist, die sich mit der Zeit ihrer selbst und ihrer ursprünglichen Liebe wieder bewusst wird. Es ist doch in gewisser Weise ein Wunder, dass dieser Wandel in uns Menschen möglich ist. Man*frau kann viel dafür tun, dass es geschieht. Am Ende ist es doch der freie Wille der Inneren Person, sich ihrer Macht, später ihrem Schmerz und dann ihrer menschlichen Tiefe wieder zuzuwenden. 

Mit meinem Herrscher bin ich meinen ganz persönlichen Wandlungsweg gegangen. Und durfte letztendlich erleben, wie es ist, wenn ein ehemals machtbesessener Egoist seine Liebe für die Wahrhaftigkeit und die Menschen wiederfindet. Heute habe ich in ihm einen weitsichtigen, engagierten Führer zur Verfügung. Dadurch lebe ich viel kraftvoller und erfüllter als früher.        

Was hat sich durch die Selbstbesinnung deines Patriarchen in deinem inneren Miteinander verändert? 

Dazu möchte ich dir gerne eine aufschlussreiche Traumszene erzählen. Den Traum hatte ich in der Zeit, als mein Patriarch sein selbstgerechtes Herrschergebaren ablegte und begann, sich an seine guten Führungsqualitäten zu erinnern. Die Szene war so:  

Ich stand vor einem brennenden Haus und wusste, dass es meins war. Ich konnte ein paar Dinge herausretten, unter anderem ein Musikinstrument und einen Teddy, andere, allen voran ein Portemonnaie, nicht. Ich musste zusehen, wie das Haus abbrennt.

Brennendes Haus
Gorb Andrii / Shutterstock.com

In einer Traumarbeit half mir meine Begleiterin Veeta Wittemann zu erkennen, welche Erfahrung Aarón – wie ich meinen Führungsmann heute nenne – in diesem Traum verarbeitete. Unter den widrigen Umständen meines Aufwachsens hatte er innere Kinder und eine junge innere Frau schützen können. Eine zentrale innere Frau, die meine tiefen weiblichen Werte hütet, im Traum repräsentiert durch das Portemonnaie, jedoch nicht. 

Zu erfahren, dass dieser herrschsüchtige Mann sich in meiner Kindheit kämpfend und schützend vor meine inneren Frauen und Kinder gestellt hatte, war ein Wendepunkt. Er ist derjenige gewesen, der es mit den übermäßigen patriarchalen Kräften in meinem Leben hatte aufnehmen können. Das zu begreifen, ließ ihn seine Liebe für die anderen in mir, Phoenix, wiederfinden. 

Was mich völlig überraschte, war, dass sich kurz darauf in weiteren Träumen mehrere mir bis dahin unbekannte innere Frauen zu Wort meldeten. Zuerst tauchte eine feurige Frau auf, die den Männern noch eine offene Rechnung auf den Tisch zu legen hatte. Dann folgte eine Frau, die aufgrund bestimmter Erfahrungen ihr Herz weggeschlossen hatte. Die junge Frau aus dem oben beschriebenen Traum meldete sich erneut und fing ganz vorsichtig an, in vertrauteren Kontakten mit dabei zu sein. Mein Selbstgefühl, das lange von meinem Herrscher dominiert gewesen war, änderte sich. Spürbar lockerte er seine Kontrolle und brachte sich selbst wieder gestaltend in mein Leben ein. Mein bis dahin sehr zentralistisches inneres System wurde beweglicher und vielfältiger. 

Du hast also erlebt, wie sich bislang verdrängte Innere Personen bemerkbar machten, weil sie selbst direkt am Leben teilnehmen wollen. Inwiefern hat sich das in dein konkretes Leben hinein ausgewirkt?

Eine Weile habe ich vor allem meine neu gewonnene, größere Vielfalt genießen können. Individueller als früher konnte ich auf Menschen antworten. Je nach meinem Gegenüber und der Stimmung, meldeten sich jetzt unterschiedliche Innere Personen und gestalteten die Begegnungen mit. Doch gleichzeitig war merkwürdig, dass die Frauen, die sich nach Aaróns Entspannung angemeldet hatten, keinen dauerhaften Platz in meinem Leben einnahmen. Sie durften zwar ab und an mitwirken, waren dann aber auch wieder ganz aus meinem Bewusstsein verschwunden. Woran das wohl lag? 

Folgendes dämmerte meinem Führungsmann genau in Folge sieben Die Falschen am Steuer von Veeta Wittemanns Videoreihe „Die Rückkehr der Königin“: „Der Falsche am Steuer bin ich. Ich habe die Lücke in Phoenix genommen. Eigentlich ist dies der Platz der Führungsfrau – der Matriarchin.“

Frau mit Kaffee auf Beifahrersitz
DisobeyArt / Shutterstock.com

Damit begann meine Suche nach meiner inneren Führungsfrau. Sie ließ sich lange bitten. Denn wie sich jetzt zeigt, hat sie kein Interesse daran, ihren Platz direkt und positiv gestaltend auszufüllen. Im Gegenteil. Als heimliche Herrscherin ist es für sie äußerst praktisch, diese starke männliche Ja-Kraft meines Führungsmannes an ihrer Seite zu haben! Nur allzu gern sonnt sie sich im Glanze seiner Position und bedient sich ganz nebenbei an den Früchten seines Engagements. Dabei kultiviert sie ihren alten Vorwurf an die Menschen. Eine äußerst bequeme und sehr selbstgerechte Art, ihre riesige Wut auf die machtbesessenen Männer und die treulosen Frauen herunter zu kühlen und sie dabei anderen vor die Füße zu kippen!

Dass sie selbst diejenige ist, die heute andere stehen lässt – das interessiert sie bislang wenig. Stattdessen lässt sie in verdeckten, alltagstauglichen Kampfaktionen ihren angestauten Überdruck abdampfen. Sie feiert ihre bislang gut verborgene Kontrolle und vermeidet, sich mit sich selbst und ihrem ungelösten Thema beschäftigen zu müssen. 

Jetzt bin ich also gefordert, meiner sich verweigernden Matriarchin näherzurücken. Es gilt, ihre Abwehr, ihre Wut und ihre Macht-Lust bewusst aufzusuchen und in Bewegung zu bringen. Damit rühre ich an ihrer alten Geschichte, die sie bislang stillgehalten hat. Ob sie die Frau aus meinem damaligen Traum ist, kann ich dabei herausfinden.

Erst wenn meine Matriarchin bereit ist, ihren blinden Machtwillen zu reflektieren und sich ihren unverdauten Gefühlen zu stellen, kann sie eines Tages wieder beziehungsfähig werden. Erst dann wird sie zulassen, dass andere Beziehungskräfte in mir – empfindsamere Frauen, bedürftige Kinder, aber auch Aarón in seiner Tiefe – eigenständig, frei und dauerhaft mitmischen dürfen in meinem Leben. 

Welche Bedeutung haben diese Erfahrungen und das Wissen um die Vielen in dir? 

Mithilfe dieses systematischen, höchst individuellen Forschens der IndividualSystemik herauszufinden, wer ICH bin, mit all meinen Facetten, ist für mich sehr sinnhaft und erfüllend. Obwohl es in einer Zeit, in der ich mich erneut mit einer negativ gewordenen machtvollen Willenskraft auseinandersetzen muss, äußerst herausfordernd ist und mir einiges an Ausdauer, Konsequenz und Mut abverlangt. Zumal man*frau nie genau weiß, wie sich der Prozess mit einer Inneren Person entwickelt. Mir hilft dabei, mir immer wieder zu verdeutlichen, dass irgendwo unter diesem machtvollen Dunkel-Willen die ursprüngliche Lebens- und Liebeskraft meiner Matriarchin verborgen liegt. Die Chance besteht, sie wiederzufinden. 

Was ich in diesen Wochen nochmal neu von innen heraus begreife ist, dass die IndividualSystemik ein lebenslanger Entwicklungsweg ist, im Grunde eine Lebensweise. Und dass es nicht um ein „Ziel“ geht, zum Beispiel in die Tiefe einer Inneren Person zu gelangen. Sondern um eine wahrhaftige Lebensart, mit dem, was man in sich vorfindet, aufrichtig zu sein und weiterzugehen. Das empfinde ich als ernüchternd und stärkend zugleich. Ernüchternd, weil man*frau nicht so schnell „fertig“ wird mit der Selbstklärung. Stärkend, weil es tief bejaht, weiterzugehen – wen immer wir in uns selbst antreffen. 

Wie beeinflussen diese Erfahrungen dein genderspezifisches Identitätsgefühl? 

Im Grunde habe ich mich immer als Frau wahrgenommen. In der Zeit, in der ich mich ganz intensiv mit meinem Herrscher auseinandergesetzt habe, trat oft meine „männliche“ Seite stärker hervor. Das äußerte sich zum Beispiel darin, dass ich anfing, bestimmte Frauen sehr attraktiv zu finden. Oder dass ich Träume hatte, in denen ich mich über meinen Frauenkörper gewundert habe. 

Als die bislang verdrängten inneren Frauen sich erstmals meldeten, habe ich sehr deutlich verschiedene weibliche Nuancen in mir erlebt – von sehr feurig bis zart, je nach innerer Frau. Im Moment spüre ich meistens meine gehaltene Frauen-Kraft. Dadurch, dass meine Matriarchin begonnen hat, sich an ihr ungelöstes Thema mit Männern zu erinnern, verschließt sie den Zugang zu ihrer Weiblichkeit. Und auch zu meinen anderen inneren Frauen. Um tiefer mit ihr zu arbeiten, ist es wichtig, für eine Zeit den Fokus auf sie zu setzen – und diese Einseitigkeit anzunehmen. Durch die Erfahrungen der letzten Jahre habe ich jedoch eine Ahnung, wie es sein könnte, wenn sich unsere Vielen freier in uns bewegen könnten. 

Wie könnte der individualsystemische Entwicklungsweg in deinen Augen unseren Umgang mit dem großen Thema „Gender“ verändern?  

Das Wissen um unsere ganz natürliche innere Vielfalt könnte dazu führen, dass wir weniger starr an den festen Frau-Mann-Kategorien festhalten müssen und sogar wollen. Kennst du das Buch „Genderkram“ von Louie Läuger? Auf einer Seite skizziert Louie dort verschiedene Modelle für Geschlecht. Zum Beispiel Geschlecht als ein Kontinuum zwischen männlich und weiblich oder als ein Spektrum, ähnlich wie Licht. Mich hat das sehr angesprochen! Von hier denke ich mal weiter:

Mit der IndividualSystemik und ihrem Modell der Fünf Kontinente gibt es einen gut beschriebenen Weg, seine verschiedenen inneren Anteile kennenzulernen und zu erforschen. Wie wäre es, wenn es Teil unseres kulturellen Wissens wäre, dass wir alle – biologische Männer wie Frauen wie Inter-Personen – innere Frauen, innere Männer, innere Kinder, innere spirituelle und innere instinkthafte Kräfte in uns haben? Wenn es „normal“ wäre, im Laufe unseres Lebens herauszufinden, in welcher höchst individuellen Ausprägung die eigenen inneren Vielen zusammenleben? Wer davon unser Aussehen, unseren individuellen Stil und unsere Sexualität gestaltet? Und wenn wir uns dafür einsetzen würden, dass diese vielfältigen Willenskräfte gleichberechtigt in unserer inneren Ordnung am Leben teilnehmen könnten, frei und jede auf ihre Weise?   

Frauenporträt mit Farbflächen
DVOA / Shutterstock.com

Das wäre für mich eine hoffnungsfrohe Vision, Vielfalt und Lebendigkeit zu akzeptieren, zu würdigen und zu leben – in uns selbst und in unserem gesellschaftlichen und sozialen Miteinander.                   

2 Gedanken zu „Wenn die Matriarchin das letzte Wort hat …“

  1. Liebe Phoenix,

    was mich besonders in deinem Artikel anspricht ist dieser Moment, in dem Aarón sich wieder seiner Liebe zu den anderen in dir rückbesinnt und dein inneres System in Bewegung kommt. Es wirkt von außen wie ein Zauber – plötzlich tauchen bisher unbekannte Anteile auf und bereichern dein Leben, was für ein Geschenk an dich selbst und die Welt!

    Einen solchen Moment hoffe ich auch in mir zu erleben. Durch meine Träume weiß ich um verschiedene innere Kräfte, die noch nicht mitspielen in meinem Leben, obwohl sie viel zu geben haben. Ein innerer Krieger an zentraler Position schirmt sie ab vor jeglichem Ungemach. Er will nicht mehr kämpfen und setzt seine ganze Kraft ein, um dieses Tor zu meiner Innenwelt verschlossen zu halten. Obwohl er noch schon länger um den Wert einer solchen Öffnung weiß, traut er seinen Impulsen nicht über den Weg, will sich und sein Urteil nicht zeigen.

    Phoenix, danke, dass du den herausfordernden Prozess mit deiner Matriarchin mit uns teilst. Ich wünsche dir, dass dich dein Mut und deine Beharrlichkeit deiner Königin näher bringen werden und sie sich in der Tiefe erkennt, wie es auch bei Aarón geschehen ist.

    Liebe Grüße, Tom

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    • Lieber Tom,

      danke für deine wertschätzenden und ermutigenden Worte! Tatsächlich hat es sich auch von innen ganz wundersam angefühlt, als die bisher unbekannten Frauen auftauchten. Neu – und zugleich vertraut! Als würde ich sie intuitiv wiedererkennen, fühlte ich tief innen, das bin auch ICH.

      Was du von deinem Krieger schreibst, kann ich sehr nachvollziehen. Weißt du, was ich denke? Wenn sich deine anderen inneren Kräfte schon in Träumen zeigen, scheinen sie nicht so weit weg zu sein!! Es klingt fast so, als würden sie schon in der Nähe des Tores warten…

      Es ist schon verrückt, wie vehement wir an diesen alten Lösungen festhalten. Aber es motiviert mich, mir zu vergegenwärtigen, dass genau in dieser Willensstärke auch die Aufrichtigkeit und Kraft für eine Veränderung liegen kann. Also sind wir so wagemutig – und gehen weiter!

      Liebe Grüße, Phoenix

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