Zwiegespräch Innerer Personen

Vom 6. bis 8. März fand in Freiburg ein „Ausflug in die Innenwelten“ statt. Dazu waren auch die Jenaer Innenweltforscher*innen eingeladen und so machte sich eine kleine Reisegruppe auf den weiten Weg, um die Freiburger Arbeit zu erleben und Kontakte zu den uns artverwandten Forscher*innen zu knüpfen und zu vertiefen. Dazu gehörte auch ich, die ich in meinen 2 1/2 Jahren Innenweltuntersuchung zwei meiner Personen schon etwas näher kennengelernt hatte. Von diesen beiden möchte ich nun erzählen, denn sie haben das Wochenende zwar gemeinsam, aber doch in recht unterschiedlichen Haltungen erlebt. 

Frida und Saphira

Frida ist eine junge Frau und steht bei mir ganz vorn. Sie lässt sich gern als Eichhörnchen bezeichnen, denn der Wald ist ihr liebster Platz. Dort baut sie sich gern ihre kleine heile Welt inmitten der Natur, der Familie und Freunde und findet ihre Freude an den vielen Kleinigkeiten, die den Alltag gestalten. Ihre jugendliche Energie ist voller Schaffenskraft und unbedarfter Leichtigkeit, die schnell in Aktionismus oder Trotz umschlagen kann, wenn sie auf Unverständnis trifft. Manchmal ist Frida dann recht einsam in ihrem „Kobel“. Fremde Personen betrachtet sie auf ihre Eichhörnchen-Art gelegentlich sehr neugierig, aber dennoch vorsichtig prüfend. Hat jemand ihr Vertrauen gewonnen, ist sie sehr direkt und nah und nimmt denjenigen gern mit durch alle Höhen und Tiefen ihres überschaubaren Reiches.

Von Saphira habe ich lange Zeit nichts gewusst, obwohl sie für Andere spürbar war. Als ich anfing, sie zu entdecken, träumte ich von mir als Eragons Drachendame, die beginnt, das Fliegen zu erlernen. Ich fand das Bild sehr passend, da es Größe und Kraft, aber auch Gutmütigkeit und Kooperationswillen ausdrückt. Obwohl ich diese Fähigkeiten grundsätzlich mit Saphira verbinde, erlebe ich sie im Alltag oft anders. Dort handelt Saphira sehr autonom, kompromisslos. Sie lässt sich auf Menschen nicht mehr wirklich ein, da das Scheitern der Menschen im Miteinander ihre größte Enttäuschung darstellt. Als Einzelkämpferin setzt sie auf Frida als ihre Aktionspartnerin. Sie liebt Frida, passt auf sie auf, beeinflusst aber auch immer wieder deren freien Willen und Empfinden.

Neugier und Erwartung

Die verschiedenen Ansprüche und Wünsche meiner beiden Inneren Personen bemerkte ich schon in den Vorbereitungen. Die Saphira in mir war überzeugt davon, dass eine Reise nach Freiburg richtig ist. Es hatten sich nach anfänglichem Enthusiasmus in der Inneren-Personen-Arbeit bei mir einige Unklarheiten aufgetan, mit denen ich in Jena nicht weiterkam. Die Frage war, ob es wirklich möglich ist, die Menschen zu verstehen, mich zu sortieren und die Welt zu begreifen. Wenn ich da etwas für mich klären wollte, musste ich eben mal über meinen Tellerrand schauen, und da kam mir die Einladung gerade gelegen. 

Ich merkte allerdings, dass ich keine Lust hatte, allein zu reisen. Das kam aus Frida. Einerseits mag ich da Abwechslung und lenke mich gern vom Alltag ab, allerdings fühle ich mich in der Fremde auch schnell unsicher. Also tat ich mein Möglichstes, dass ich mit den mir vertrauten Menschen meiner Jenaer Gruppe zusammen fahren und dort auch gemeinsam wohnen konnte.

So kamen wir also am Freitag Nachmittag am Veranstaltungsort an. Dort wurden wir freundlich empfangen und es war noch ausreichend Zeit, sich fürs Erste ein wenig zu beschnuppern. Es roch recht heimelig nach Kaffee und Kuchen. Da fühlte ich mich schon willkommen, besser gesagt: Frida fühlte sich dort willkommen, sicher in ihrer Freundesgruppe wie ein Eichhörnchen in einem fremden, aber fruchtbaren Wald voller leckerer Nüsse, wo man neugierig hinter dem Baumstamm hervorschauen und beobachten und gelegentlich etwas Schönes sammeln kann. 

Hände, die sich in der Mitte berühren

Saphira ließ sich Zeit mit der Landung. Sie beobachtet gern erstmal, ob es unter den Fremden überhaupt Menschen gibt, die ihr Interesse wecken.

Langsam trudelten dann auch die „Neulinge“ ein, denn der folgende Videovortrag „Gute Menschen, schlechte Welt“ von Artho Wittemann war für alle Interessierten geöffnet. Ich war gespannt auf die Wirkung, denn das ist auch ein grundsätzliches Thema von Saphira: Warum können wir Menschen uns nicht so verständigen, dass wir zusammen unsere Welt als lebenswert erhalten? Während des Vortrages erwachten aber auch wieder ihre Zweifel daran, ob dieses geniale System der Tiefenpsychologie unsere Menschheit tatsächlich erhellen kann. Ist es nicht vielleicht doch zu kompliziert, als dass es wirklich viele Menschen ergreifen und weiterführen könnte? 

In der nachfolgenden spannenden Diskussion jedoch verwischten diese Fragen wieder. Staunend verfolgte ich, wie gut auch noch so weit schweifende Fragen wieder aufgefangen und auf die wichtigen Punkte gebracht wurden. Das hatte eine Klarheit, die Saphira liebt. Ich spürte, wie sie auflebte: „Das würde ich auch gern lernen! Okay Frida, das passt schon für uns beide. Wir schauen mal, wie das morgen weitergeht.“

Kontakt versus Distanz

Der Samstag schien vielversprechend: voller verschiedener Programmpunkte zum Kennenlernen der IndividualSystemik, der Teilnehmer*innen und der eigenen Inneren Personen. Also keine Aussicht auf Langeweile. Das war schon mal gut. 

Zuerst sollten wir Familiengruppen zu viert bilden, möglichst mit Leuten, die wir noch nicht kannten und zu denen wir im Laufe des Tages immer wieder zurückfinden sollten. Taktisch schlau, dachte ich, dann kommt man schnell aus seinem gewohnten Grüppchen raus. 

All das gefiel meiner Frida. Sie ist gern aktiv und bei gemeinschaftsbildenden Maßnahmen in einem überschaubaren familiären Rahmen interessiert dabei, zumal wir uns ja schon gestern gesehen hatten.

Wir machten uns also bekannt und ich fand in einer Teilnehmerin überraschend schnell eine dankbare Gesprächspartnerin für meine Kritik an der IndividualSystemik. Das war natürlich eine frische Brise in die Flügel Saphiras. Aus dem Hintergrund kamen mir ihre Gedanken: „Weshalb bin ich hierhergekommen? Um mich in dem Durcheinander meiner Gedanken über die Innenweltforschung wieder zurechtzufinden! Da ist es doch naheliegend, zuerst das anzusprechen, was für mich nicht stimmig ist.“

Das wirkte sich auch gleich auf die nachfolgende Übung aus, in der wir eine Innere Person im Gespräch herausfinden und vertiefen sollten. Meine Zweifel an dieser Arbeit kamen sofort wieder zur Sprache, als ob sie nur darauf gewartet hätten, endlich gehört zu werden. Da war ich von mir selbst etwas irritiert, sollte es doch um eine vordere Person gehen. Frida, die gerade Kontakte knüpfen wollte, kam mir wie ferngesteuert vor und diente höchstens als Vermittlerin. Ich bekam den Hinweis, in dieser Haltung zu bleiben und genau da hinein zu spüren. Das war wohl für mich ein entscheidender Aspekt, denn daraufhin ging ich total auf Distanz und kam nicht mehr heraus. Ich erlebte alles wie aus der Ferne, auch das nachfolgende, eigentlich unterhaltsame „Interview mit einer geheimen Machtseite“, Saphira kritisch beobachtend und mit der befriedigenden Erkenntnis, in ihrer Haltung auch gesehen zu werden, Frida eher überfordert und dadurch etwas bockig.

Freiheit durch Entspannung

Auf die Übung, eine Innere Person mit Musik zu vertiefen, hatte ich schon gar keine Lust. Ich entschied mich dazu, nicht mitzumachen. Dass ich dann damit auch in Ruhe gelassen wurde, tat mir gut. Ja, ich durfte auch einfach so sein, wie ich mich fühlte. Das entspannt. Und wie wir anschließend durch eine Meditation geleitet wurden, konnte ich spüren, wie sich meine Abwehrhaltung langsam auflöste. Saphira hatte wohl fürs Erste genug gesehen und auch genug Aufmerksamkeit bekommen. Das schien ihr die Gewissheit zu geben, hier richtig zu sein. Sie lockerte damit ihren Fokus auf Frida, die in ihrem Schutz steht, aber als vordere Aktionistin gleichzeitig Saphiras Haltungen mit veräußert. 

Ich fühlte mich frei und doch sehr traurig. Ich lauschte den leisen Klängen der Musik und träumte von Regen. Einem der Tropfen näherte ich mich und schaute hinein. Ich erblickte verschwommen ein in sich versunkenes, zartes Geschöpf. Es war eine junge Frau. Ich kannte sie aus einem meiner Träume. Damals war sie auf der Flucht und versteckte sich im Dunkeln. Sie wollte nicht eingefangen werden. Nun konnte ich sie wieder klarer sehen und diesmal hatte sie eine Friedenstaube auf den Händen. Sie hält sie hoch und entlässt das Tier in die Lüfte.

Dieses Bild durfte ich im Anschluss malen. Als ich von meinem Blatt aufschaute und in die Runde der anderen Maler*innen blickte, war ich überrascht, wie „laut“ mir die anderen Bilder vorkamen. So kräftig farbenfroh und stark in der Darstellung. Und ich spürte, dass das alles sein darf und Ausdruck finden kann, auch mein zartes Wesen, meine Hoffnung, die ich sonst verberge. Es mag sein, dass dies die ganz tiefe Sehnsucht meiner Frida ist.

Verbundenheit und Zustimmung

In der Abschlussrunde wurde jeder aufgefordert, ein passendes Wort für sich in der jetzigen Situation zu finden. Meines war: „angekommen“. Ich fühlte tatsächlich wieder, dass es richtig ist, diesen Weg weiterzugehen. Ein Weg, auf dem man die eigenen Schätze, die man vor sich selbst versteckt und deren Aufenthaltsort man vergessen hat, wiederfinden kann. Hier sind Menschen, die ihn schon lange gehen und mich mitnehmen und begleiten können. In Saphira spürte ich ein tiefes Ja dazu, dieses System verstehen und darin weiterforschenzu wollen. Ein Drache macht keine halben Sachen. Frida blickte entspannt in die Runde: „Okay, ich mach mit.“

Der Abend war für mich einfach nur noch befreiend. Wir haben getanzt, wild und schön, gemeinsam und allein, ohne Hemmungen und Regeln. Ein Austoben, Kraft spüren, sich fallen lassen. Ein schöner Abschluss des Tages. 

Frida und Saphira im Zwiegespräch

Als ich wenig später gefragt wurde, ob ich Lust hätte, einen Blog-Beitrag zu schreiben, entspann sich ein kleiner Streit zwischen meinen beiden Personen. Frida meinte gleich: „Nö, kann ich nicht, will ich nicht.“ Sie war wieder zu Hause in ihrer kleinen Welt und Freiburg soo weit weg … Saphira jedoch war unruhig, so schnell konnte Frida das nicht abhaken: „Wollten wir nicht den Kontakt halten, weiterarbeiten? Erinnerst du dich nicht?“ „Jaja, und wer macht‘s dann wieder?“ nörgelte Frida. Gewöhnlich ist sie ja die Ausführende und schnell damit überfordert. „Gemeinschaftsarbeit? Ich denk nach und du schreibst?“ räumte Saphira ein. „Na gut, aber es muss eine schöne Geschichte werden, ich will ja auch meinen Spaß dran haben!“

So entstand also dieser Text. Saphira findet nun, dass es ein Kompromiss zwischen wirklich tiefen ernsthaften Anliegen und Unterhaltsamkeit ist. „Klar“, meint Frida, „wenn wir etwas in die Welt tragen wollen, dann muss es auch ansprechend sein, neugierig machen und Interesse wecken, sonst macht doch keiner mit!“ „Da erkennt man wieder mal unsere unterschiedliche Sicht. Na, immerhin sind wir uns dessen beim Schreiben sehr bewusst geworden.“ Und damit ist auch Saphira vorerst zufrieden.

Ein Gedanke zu „Zwiegespräch Innerer Personen“

  1. Hallo,
    dein Bericht ist so gut verfasst, er lädt richtiggehend ein und macht Lust auf das „Bei sich selbst Wahrnehmen und Nachschauen“.
    Macht mir Freude beim Lesen.
    Danke!
    Viele Grüße,
    Heidi

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